{"id":611,"date":"2025-01-27T12:31:59","date_gmt":"2025-01-27T10:31:59","guid":{"rendered":"https:\/\/nachhaltigkeit.aau.at\/?p=611"},"modified":"2025-09-24T14:01:18","modified_gmt":"2025-09-24T12:01:18","slug":"wie-lassen-wir-uns-zu-umweltaktivismus-bewegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nachhaltigkeit.aau.at\/?p=611","title":{"rendered":"Wie lassen wir uns zu Umweltaktivismus \u201ebewegen\u201c?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Ist es Wut \u00fcber Ungerechtigkeit sowie \u00c4rger, die uns dazu animieren, uns f\u00fcr Umweltschutz einzusetzen? Oder gibt es auch positive Gef\u00fchle, die uns dazu bewegen, uns einer Gruppe anzuschlie\u00dfen und uns gemeinsam einzusetzen? Helen Landmann, Professorin am <a href=\"https:\/\/www.aau.at\/psychologie\/\">Institut f\u00fcr Psychologie<\/a> der Universit\u00e4t Klagenfurt, forscht zu Emotionen in der Umweltpsychologie. F\u00fcr ihre Arbeit mit dem Titel <em>Being Moved by Protest \u2013 Collective efficacy beliefs and injustice appraisals enhance collective action intentions for forest protection via positive and negative emotions<\/em> wurde sie k\u00fcrzlich mit dem Carl-Friedrich Graumann Preis der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Psychologie ausgezeichnet.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wie kam es, dass Sie die Motive von Umweltaktivist:innen untersucht haben?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich war zuletzt an der Fernuniversit\u00e4t Hagen t\u00e4tig, in deren N\u00e4he sich der Hambacher Wald befindet. Dieser Wald war \u00fcber 4000 Hektar gro\u00df, er wurde aber nach und nach f\u00fcr den Braunkohleabbau abgeholzt, sodass dort heute nur noch ein kleiner Streifen von ca. 500 Hektar Wald \u00fcbrig ist. Viele Menschen haben sich f\u00fcr den Erhalt dieses Waldes eingesetzt und sich in den Jahren 2018\/19 an Protesten beteiligt. Dabei ist bei uns die Idee entstanden, mehr dar\u00fcber herauszufinden, was die Menschen dazu motiviert, sich f\u00fcr Umwelt- und Klimaschutz zu engagieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Was wei\u00df man bereits \u00fcber die Motive?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir konnten bei unserer Untersuchung auf das <em>social identity model of collective action <\/em>zur\u00fcckgreifen. Dieses beschreibt im Wesentlichen zwei Pfade, die uns dazu motivieren, an Protesten teilzunehmen. Der eine Pfad stellt die Emotion des \u00c4rgers in den Vordergrund: Wir wollen also dem \u00c4rger Luft machen und das ist f\u00fcr uns motivierend. Der zweite Pfad wurde bisher als der \u201erationale\u201c Pfad bezeichnet. Dahinter steht die \u00dcberlegung, dass man sein Ziel besser erreicht, wenn man sich mit anderen zusammenschlie\u00dft. Dieses Modell habe ich mir genauer angesehen, weil ich den Eindruck hatte, dass hier noch etwas fehlt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Was haben Sie gefunden?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schon l\u00e4nger habe ich mich mit positiven Gef\u00fchlen des Bewegtseins besch\u00e4ftigt. Sie kennen das bestimmt: Wenn man etwas besonders Sch\u00f6nes erlebt \u2013 eine Hochzeit, die Geburt eines Kindes, aber auch au\u00dfergew\u00f6hnlich selbstloses Verhalten einer Person \u2013 ist man bewegt und hat Tr\u00e4nen in den Augen. F\u00fcr mich passt dieses Gef\u00fchl auch in den zweiten Pfad, weil man auch \u00fcberw\u00e4ltigt und ergriffen sein kann von der Idee, gemeinsam mit anderen etwas zu erreichen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>In dem Fall passt die Bezeichnung \u201erationaler\u201c Pfad aber nicht mehr, oder?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ja, das ist dann genauso emotional wie der \u00c4rger, aber auf eine positive Weise.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wie sind Sie diesem Gef\u00fchl des Bewegtseins bei Protesten dann auf den Grund gegangen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir haben eine Feldstudie durchgef\u00fchrt, im Rahmen derer wir \u00fcber 200 Unterst\u00fctzer:innen und Aktivist:innen befragt haben. Wir wollten wissen, ob sie sich \u00e4rgern, aber auch, ob sie sich bewegt f\u00fchlen. Zus\u00e4tzlich wollten wir wissen, ob sie in Zukunft vorhaben, an solchen Protesten teilzunehmen. Mit diesen Daten haben wir ein Modell berechnet, das uns schlie\u00dflich gezeigt hat: Es gibt tats\u00e4chlich beide emotionalen Pfade. Je mehr die Menschen daran geglaubt haben, etwas gemeinsam ver\u00e4ndern zu k\u00f6nnen, desto st\u00e4rker waren sie auch in Bezug auf die Proteste ergriffen Und desto eher hatten sie vor, sich zu engagieren. Unsere Ergebnisse haben wir dann noch in einem zweiten Experiment \u00fcberpr\u00fcft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Funktioniert dieser Mechanismus besser, wenn man sich um ein konkretes, auch r\u00e4umlich nahe liegendes Vorhaben bem\u00fcht oder funktioniert das auch bei Protesten f\u00fcr Klimaschutz im Allgemeinen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus den Antworten der Aktivist:innen rund um den Hambacher Wald wissen wir, dass sie es f\u00fcr die Entwicklung von Engagement sehr hilfreich fanden, dass es einen konkreten symbolbehafteten Ort gab, f\u00fcr den zu k\u00e4mpfen motivierend war. Wir haben die zwei Pfade aber dann noch in einer anderen Studie untersucht, in der Fridays-for-Future-Aktivist:innen befragt wurden. Ihre Proteste sind sehr viel globaler, es hat sich aber gezeigt, dass auch bei diesen Demonstrationen positive Emotionen sehr pr\u00e4sent waren. Wir sehen das auch bei den Veranstaltungen selbst, wo Leute Freude ausstrahlen. K\u00fcrzlich haben wir auch eine qualitative Studie mit Vertreter:innen der Letzten Generation durchgef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wie passen Ihre Erkenntnisse in eine Zeit, in der Gesellschaften st\u00e4rker individualisiert sind?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Positive Beziehungen zu anderen zu haben, ist ein sehr dominantes menschliches Bed\u00fcrfnis, das wissen wir aus der Sozialpsychologie. Wenn Menschen aus einer Gruppe ausgeschlossen werden, l\u00f6st das Hirnaktivit\u00e4t aus, die sonst mit k\u00f6rperlichen Schmerzen verbunden ist. Wir sehen also, dass Gruppenerlebnisse auch jetzt sehr wichtig sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Auch politische Parteien inszenieren sich immer wieder als \u201eBewegungen\u201c. Kann man Menschen auch bewusst \u201ebewegen\u201c?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vermutlich ja. Ich untersuche gerade, inwiefern Emotionen von extremistischen Gruppen missbraucht werden k\u00f6nnen, um Menschen f\u00fcr bestimmte Ziele einzuspannen. In Rekrutierungsvideos werden manchmal bewegende Filmschnipsel verwendet und auch f\u00fcr Radikalisierung spielen Gruppenprozesse eine wichtige Rolle. Aus der Extremismusforschung wissen wir, dass nach einer Sensibilisierungsphase, in der die Menschen auf ein Thema aufmerksam werden, h\u00e4ufig in einem n\u00e4chsten Schritt die Anbindung an eine Gruppe und damit Zugeh\u00f6rigkeit ins Spiel kommt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Sie haben bereits die Emotionen des \u00c4rgers sowie des Bewegtseins angesprochen. Welche Rolle spielt denn das Gef\u00fchl der Angst bei Umweltaktivist:innen, die sich ja h\u00e4ufig vor dem Hintergrund von Schreckensszenarien f\u00fcr den Klimaschutz engagieren?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Menschen, die sich f\u00fcr Klimaschutz einsetzen, geben auch h\u00e4ufig st\u00e4rkere Bef\u00fcrchtungen in Bezug auf den Klimawandel an. Wie diese Gef\u00fchle mit positiven Emotionen zusammenspielen, wissen wir noch nicht genau. Wir haben aber bereits mit systematischen Untersuchungen belegen k\u00f6nnen, dass die Gef\u00fchle des Bewegtseins st\u00e4rker sind, wenn die Umst\u00e4nde schlechter sind. Wenn man beispielsweise ein Video von Br\u00fcdern sieht, die sich herzlich umarmen, dann wird das als wesentlich ergreifender wahrgenommen, wenn man wei\u00df, dass die beiden eigentlich zerstritten sind. Das findet man in unterschiedlichen Bereichen \u2013 und vielleicht l\u00e4sst es sich auch auf den Umweltbereich \u00fcbertragen. Dadurch, dass die Situation bedrohlich ist und man gegen widrige Umst\u00e4nde ank\u00e4mpft, ist es vielleicht besonders bewegend und \u00fcberw\u00e4ltigend, wenn man dem etwas Positives entgegensetzen kann.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Zur Person<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Helen Landmann studierte Psychologie an der Friedrich-Schiller-Universit\u00e4t Jena, an der Humboldt-Universit\u00e4t zu Berlin und an der Cardiff University (UK). Sie promovierte mit einem Stipendium der Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung 2017 an der Humboldt-Universit\u00e4t zu Berlin zu moralischen Emotionen. In der Zeit von 2016 bis 2024 forschte sie an der FernUniversit\u00e4t in Hagen zur Rolle von Emotionen f\u00fcr das soziale Zusammenleben. Von 2022 bis 2023 hatte sie an der Universit\u00e4t Bremen eine Vertretungsprofessur im Fachbereich \u201eSozialpsychologie mit Arbeits- und Organisationspsychologie\u201c inne. Helen Landmann ist sowohl Sprecherin des Fachnetzwerkes \u201eSozialpsychologie zu Flucht und Integration\u201c als auch des Clusters \u201eLehre\u201c der Interessensgruppe \u201eMensch \u2013 Klima \u2013 Nachhaltigkeit\u201c der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Psychologie. Helen Landmann untersucht in ihrer Forschung die Rolle von Emotionen f\u00fcr sozialen Wandel. Zu ihren Schwerpunkten z\u00e4hlen umweltpsychologische Fragestellungen (z. B. weshalb protestieren Menschen f\u00fcr oder gegen Umweltschutz?) und community-psychologische Fragestellungen (z. B. wie k\u00f6nnen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen gut zusammenleben?).<br><em>Foto: Ralf Rottmann<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ist es Wut \u00fcber Ungerechtigkeit sowie \u00c4rger, die uns dazu animieren, uns f\u00fcr Umweltschutz einzusetzen? Oder gibt es auch positive Gef\u00fchle, die uns dazu bewegen, uns einer Gruppe anzuschlie\u00dfen und uns gemeinsam einzusetzen? Helen Landmann, Professorin am Institut f\u00fcr Psychologie der Universit\u00e4t Klagenfurt, forscht zu Emotionen in der Umweltpsychologie. 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